
KARRIERE EXPERTE
Betrachten Sie Arbeitszeugnisse doch mal von einer anderen Seite!

Remo Riebel
10. August 2022
Ausgangslage
Seit Jahren wird in verschiedenen Foren und Medien über den (Un)-Sinn von Arbeitszeugnissen debattiert. Die Meinung, diese Form der Mitarbeiterbeurteilung abzuschaffen, überwiegt. Die Äusserungen stammen allerdings überwiegend von Personen, welche Zeugnisse erstellen. Stimmen von denjenigen, welche sie erhalten, hört man selten. (Auch wenn die Ersteller einmal zum Erhalter mutieren werden).
Arbeitszeugnisse als Rekrutierungsgrundlage und Imagepflege
Unternehmen, welche sich als moderne, attraktive Arbeitgeber präsentieren, festigen diese Position mit der Aussage, bei der Rekrutierung keinen Wert mehr auf Arbeitszeugnisse zu legen. Vielmehr fokussierten sie neu auf den direkten Dialog. Gleichzeitig werden bei Bewerbungsportalen weiterhin Zeugnisse eingefordert. In gravierenden Fällen sogar künstliche Intelligenz für Selektion und Interviews eingesetzt. Ein Widerspruch in sich? Meine langjährige Tätigkeiten und Erfahrung in der beruflichen Planung für Fach- und Führungskräfte verschiedener Berufsgruppen, aber auch als ehemaliger Abteilungsleiter mit Mitarbeiterverantwortung zeigt mir, dass sich Arbeitszeugnisse oft im bisherigen Werdegang einer Person widerspiegeln. Heisst, je klarer die Linien in Aus- und Weiterbildung und vor allem, je zeitlich konstanter die Engagements bei den jeweiligen Arbeitgebern, desto aussagekräftiger fallen die Beurteilungen aus. Spannend dabei zu beobachten ist, dass es Unternehmen durchaus möglich ist nicht nur standardisierte Zeugnisse auszustellen, wenn es ihnen wichtig ist. Für meine Arbeit bilden Aussagen in Zeugnissen einerseits Grundlage zur Interviewführung und Referenzgesprächen und anderseits führen diese oft zur Bestätigung oder auch Widerlegung meiner ersten Einschätzungen. Was Zeugnisse aber auch aussagen können ist, welchen Unternehmen es bewusst ist wie wichtig ein langfristig, positives Image bei den scheidenden Mitarbeitern sein kann. Nehmen sie sich genauso viel Zeit Mitarbeiter beim Weggang zu begleiten wie sie aufgewendet haben diese zu gewinnen, steht der Mitarbeiter wirklich im Mittelpunkt, wie es so manche Firmen von sich behaupten. Denn vergessen wir dabei nicht; die Zeiten bei denen auch bestens qualifizierte Menschen froh sein durften Unternehmen zu dienen (!) sind aktuell und wahrscheinlich für einige der kommenden Jahre vorbei. Aktive Bemühungen Mitarbeiter zu finden und zu halten wird auch künftig auf Seite der Unternehmen stärken sein, als es für Arbeitnehmer ist einen neuen Arbeitgeber zu finden.
Arbeitszeugnis lästiger Arbeitsaufwand oder Wertschätzung?
Sieht man also Arbeitszeugnisse nicht als lästigen Arbeitsaufwand, sondern als Wertschätzung gegenüber seinen Mitarbeitern, aber auch als Imagepflege des Unternehmens an, erhalten diese eine andere Bedeutung. Wer ist am Ende eines Arbeitsverhältnisses nicht gespannt zu lesen, was das Unternehmen von seiner Person und seinen Expertisen hielt. Wer ist nicht stolz, wenn er folgende Sätze am Ende eines Schreibens lesen kann:» Seinen / Ihren Entschluss uns zu verlassen, bedauern wir sehr. Die kommenden Arbeitgeber und KollegInnen dürfen sich auf ein menschlich, wie fachlich exzellentes Teammitglied freuen.»
Faktor Motivation / Wertschätzung nie unterschätzen!
Frage: Würde mit einer Abschaffung von Zeugnissen nicht auch die Motivation der Mitarbeiter unterschätzt, am Ende eines Arbeitsverhältnisses, ein aussagekräftiges Dankesschreiben zu erhalten? Oft höre ich von Kontakten, welche einen Wechsel planen, dass man sich bis zum letzten Arbeitstag einsetzt und man Wert auf eine optimale Übergabe seiner Arbeit legt. Wer dies dann in einem Zeugnis erwähnt und verdankt erhält, der ist doch glücklich, richtig?
Vollbeschäftigung
Um Mitarbeiter in einem Markt der Vollbeschäftigung für sich zu gewinnen wird viel Zeit, Energie und Geld in «Employer Branding» «Talent Scouts» und «Social Media Recruiting” investiert. Könnten Teile dieser Ressourcen nicht geeigneter eingesetzt werden? Beispiel: Austrittsgespräche in welchen gemeinsam das Zeugnis personifiziert erstellt wird. Was glauben Sie hätte dies für einen Effekt für alle Beteiligten? Rechnen Sie die Zeit, welche für das Vorbereiten, das Schreiben, das Redigieren und die Streitigkeiten von Zeugnissen aufgewendet wird. Imageverlust bei Streitigkeiten um Zeugnisinhalte für das Unternehmen ist da nicht einmal eingerechnet. Unternehmen, welche sich als attraktive Arbeitgeber abheben, nehmen ihre Mitarbeiter, auch beim Entschluss neue Wege zu gehen, ernst. Wer sie bei der Erstellung eines Zeugnisses mit ins Boot nimmt, der gewinnt mehrfach.
Alternativen zu Zeugnissen?
In meiner Funktion als direkter Vorgesetzter habe ich mir die Zeit genommen meinen Mitarbeitern zum Abschied eine persönliche Empfehlung zu schreiben. Nebst dem «offiziellen Arbeitszeugnis» konnte ich in meinen Worten die Zusammenarbeit beschreiben. Mein Ziel war es stets, nachfolgenden Arbeitgebern einen persönlicheren Eindruck weiter zu geben, aber auch von meinen Mitarbeitern als guter Vorgesetzter weiterempfohlen zu werden. Die Firma ist das Eine, der direkte Vorgesetzte aber das Wesentliche, wenn es um Freude, Engagement und gesunde Arbeitskultur geht.
Fazit
Je grösser das Unternehmen, desto wichtiger sind persönliche Empfehlungsschreiben. Sie erzielen damit einen Dreifacheffekt!
- Es hilft den Mitarbeitern auf ihrem weiteren beruflichen Weg und sie verlassen das Unternehmen positiv gestimmt
- Sie zeichnen sich als gute vorgesetzte Person aus, welcher das Wohl der Mitarbeiter wichtig ist
- Ihre künftige eigene Rekrutierungsarbeit kann sich, an Hand persönlicher Empfehlungen anderer, erleichtern Kleinere Unternehmen zeichnen sich oft durch ihre Individualität aus. Diese Individualität empfiehlt sich auch für persönliche Empfehlungsschreiben zu nutzen. Ihr Remo Riebel NETZWERK MIT SINN!